Die alte Dame und die Haarnadel

Eine Geschichte über das innere Glück

Heute erzähle ich euch eine Kurzgeschichte über das innere Glück, die mir meine Mutter nach einem Besuch in einem buddhistischen Kloster mitgebracht hat. Dort wurde die Geschichte von einem Mönchen wiedergegeben und ging folgendermaßen:

Es lebte einmal eine alte Dame am Rande eines kleinen Dorfes. Ihr kleines Haus befand sich in der Nähe des Waldes, der am Fuße eines großen Berg war. An dieser Stelle kamen viele Wanderer, Bergsteiger und Spaziergänger vorbei.

So geschah es an einem wolkenklaren, sonnigen Tag, dass sich die alte Dame nach draußen begab und zur Wiese ging , die sich neben dem Wanderweg befand und fing an Ausschau zu halten nach etwas, was auf dem Boden lag. Es dauerte nicht lange bis die erste Spaziergängergruppe die alte Dame sah, die die Wiese ablief.

„Was suchen Sie?“, fragte ein junger Mann aus der Gruppe.
„Ich habe meine Haarnadel verloren.“, erwiderte die Dame.

Die gesamte Gruppe half ihr sofort beim Suchen. Nach einer kurzen Zeit hatten die ersten die Lust verloren und ließen sich auf dem Boden plumpsen, da ihre Rücken vom Bücken weh taten.

Eine Frau wandte sich zur alten Dame und fragte: „Verehrte Dame, sind Sie sicher, dass sie ihre Haarnadeln hier draußen verloren haben?“
Die alte Dame richtete sich auf und sagte: „Ich denke, ich habe sie im Haus verloren.“
„Dann suchen Sie doch dort!“, rief ungeduldig einer aus der Gruppe.
„Aber nein, das geht nicht! Im Haus ist es so dunkel. Dann suche ich lieber hier draußen, wo es hell ist.“

Die alte Dame muss senil sein, dachte sich nun die gesamte Wandergruppe, die offensichtlich nun aufbrechen wollte.
„Machen Sie sich doch Licht an in ihrem Haus, um die Haarnadel zu finden.“, schlug der junge Mann von vorhin vor.
„Ja, das könnte ich machen, aber das wäre mit so viel Aufwand verbunden. Ich habe nur eine Öllampe und müsste zuerst die Streichhölzer finden. Dann suche ich lieber hier draußen.“

Kopfschütteln ging durch die Runde, genervt gingen einige schon mal vor. Denn eines war für sie klar: der alten Dame konnte man nicht helfen.
Der junge Mann seufzte, riss sich das letzte Mal zusammen und versuchte ihr die Situation zu erklären.

„Werte Dame, wie wollen Sie Ihre Haarnadel hier draußen finden, wenn sie doch im Haus liegt? Es macht gar keinen Sinn, die Wiese abzusuchen nur weil hier mehr Licht ist. Wenn sie ihre Haarnadel finden wollen, sollten sie ins Haus gehen, sich die Mühe machen das Licht anzumachen und im Haus suchen!“

Die alte Dame schaute den jungen Mann ruhig an und lächelte. Ein kurzes Schweigen. Einige aus der Gruppe, die noch geblieben waren, schauten die beiden gespannt an.

„Du hast natürlich vollkommen Recht! An dieser Stelle frage ich dich: wie ist es denn mit dem Glück? Befindet sich unser persönliches Glück nicht bereits in uns? Aber viele suchen ihr Glück da draußen, weil es angeblich einfacher ist. Ihre Suche ist oft vergebens und sie werden müde vom Suchen. Dabei bräuchten wir nur in uns das Glück zu finden, indem wir uns Klarheit und Bewusstsein beschaffen. Dann würden wir sehen, dass unser Glück die ganze Zeit schon da war.“

Die jungen Leute staunten und bedankten sich bei der alten Dame für diese lehrreiche Lektion, bevor sie weiter aufbrachen. Die alte Dame schaute der Gruppe noch lange hinterher bis sie in ihr Haus zurück ging und sich die Haarnadel vom Nachttisch ins Haar steckte.